Herausforderung
Die Suche nach einem Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle gehört zu den gesellschaftlich und politisch sensibelsten Infrastrukturvorhaben in Deutschland. Sie berührt nicht nur technische Sicherheitsfragen, sondern auch Fairness, Transparenz, Vertrauen und die Beteiligung der Öffentlichkeit.
Für das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung stellte sich deshalb eine zentrale Frage: Wann wird die Endlagersuche für Bürgerinnen und Bürger persönlich bedeutsam und welche Folgen hat diese Relevanz für Information, Beteiligung, Akzeptanz oder Protest? Besonderes Interesse galt den im Jahr 2025 veröffentlichten Arbeitsständen der Bundesgesellschaft für Endlagerung sowie der Frage, wie sich diese Veröffentlichungen auf die persönliche Relevanz der Endlagersuche auswirken – insbesondere für Menschen, deren Region nach aktuellem Stand noch als möglicher Endlagerstandort infrage kommt.
Die Herausforderung bestand darin, persönliche Relevanz wissenschaftlich greifbar zu machen und zugleich die regionalen, emotionalen und verfahrensbezogenen Einflüsse auf die Wahrnehmung der Endlagersuche verständlich abzubilden.
Vorgehen
Verian entwickelte ein theoriegeleitetes Wirkungsmodell. Im Mittelpunkt stand das „Involvement“: das Ausmaß, in dem Menschen die Endlagersuche als persönlich bedeutsam erleben und sich gedanklich oder emotional mit ihr auseinandersetzen. Auf dieser Grundlage wurden Ursachen und Folgen des Involvements systematisch mit den folgenden Methoden untersucht:
- Bundesweite Online-Befragung von 2.508 Personen ab 16 Jahren mit gezielter Überrekrutierung von Menschen aus Regionen, die im Standortauswahlverfahren weiterhin berücksichtigt werden
- Zwei Online-Fokusgruppen mit insgesamt zwölf Personen aus Regionen, die noch im Verfahren berücksichtigt werden
- Gemeinsame Auswertung der quantitativen und qualitativen Ergebnisse sowie Ableitung praktischer Empfehlungen
Verian übernahm die Entwicklung der Erhebungsinstrumente, die Stichprobenkonzeption, den Pretest, die Datenerhebung, Datenprüfung und Gewichtung, statistische Analysen, qualitative Vertiefung sowie die Aufbereitung der Ergebnisse in einem Abschlussbericht und einem kompakten Ergebnisreport.
Relevanz
Die Studie zeigt, dass die Endlagersuche für viele Menschen bislang nur eine geringe Alltagsrelevanz besitzt. Persönliche Relevanz entsteht vor allem dann, wenn die eigene Lebenswelt berührt wird: durch die wahrgenommene Nähe eines möglichen Standorts, die Verbundenheit mit der Region oder erwartete wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen.
Zugleich macht die Untersuchung deutlich, dass Involvement nicht gleich Involvement ist. Eine sachlich geprägte Auseinandersetzung hängt stärker mit Informationssuche, Wissen und Beteiligungsbereitschaft zusammen. Eine vor allem negativ-emotionale Auseinandersetzung ist dagegen eher mit Sorgen, Protestbereitschaft und geringerer Akzeptanz verbunden.
Damit erhält das Bundesamt eine empirische Grundlage, Kommunikation und Beteiligung genauer auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auszurichten. Die Ergebnisse sprechen insbesondere dafür,
- Informationen stärker an nachvollziehbare Bezüge zur Lebenswelt und Region
anzuknüpfen, - sachliche und emotionale Formen der Auseinandersetzung gezielt zu
unterscheiden, - Möglichkeiten und Grenzen von Beteiligung klar zu kommunizieren und
- Fairness, Transparenz, Gleichbehandlung und die Rolle wissenschaftlicher
Expertise sichtbar zu machen.
Die Studie trägt so dazu bei, die gesellschaftlichen Voraussetzungen eines langfristigen Standortauswahlverfahrens besser zu verstehen und Kommunikation sowie Öffentlichkeitsbeteiligung evidenzbasiert weiterzuentwickeln.
Links
- Auf der Projektwebsite des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung wird der Abschlussbericht in Kürze veröffentlicht.
Fallstudien
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